Sonntag, 9. Mai 2010

Max Frisch: Kommunikation mit dem Unaussprechlichen

"Zuweilen habe ich das Gefühl, man gehe aus dem Geschriebenen hervor wie eine Schlange aus ihrer Haut. Das ist es; man kann sich nicht niederschreiben, man kann sich nur häuten. Aber wen soll diese tote Haut noch interessieren! Die immer wieder einmal auftauchende Frage, ob denn der Leser jemals etwas anderes zu lesen vermöge als sich selbst, erübrigt sich: Schreiben ist nicht Kommunikation mit Lesern, auch nicht Kommunikation mit sich selbst, sondern Kommunikation mit dem Unaussprechlichen. Je genauer man sich auszusprechen vermöchte, um so reiner erschiene das Unaussprechliche, das heißt die Wirklichkeit, die den Schreiber bedrängt und bewegt. Wir haben die Sprache, um stumm zu werden. Wer schweigt, ist nicht stumm. Wer schweigt, hat nicht einmal eine Ahnung, wer er nicht ist."


aus: Max Frisch, Stiller, Suhrkamp 1954

Kommentare:

  1. Ja doch! Freilich! An den Grundsätzlichkeiten eines Vielgedruckten gibt es nichts zu zweifeln.
    Unsereins handelte sich mit derlei Betrachtungen erhobene Brauen ein. Wunderschön hat er's gesagt,
    der heilige Identitätsguru.
    Sei geherzt, liebe Iris, für diese Erinnerung!

    AntwortenLöschen
  2. Gleichgesinnter ...

    Noch ein bisschen Iris-Spezialsenf: Keine Augenbrauenbewegung der Welt soll mich jemals (wieder) von eigenen Betrachtungen abhalten! Und dich auch nicht!

    AntwortenLöschen