Donnerstag, 23. Oktober 2014

in Rätseln

"Du sprichst in Rätseln."

"Natürlich. Alles andere wäre gelogen."

Mittwoch, 22. Oktober 2014

in ihrem Traum

ein zum Platzen reifer Kuss liegt auf ihren Lippen. er pflückt ihn, beiläufig, achtlos. der Moment zerspratzt in metallischen Geschmack.
siehst du nicht, was du anrichtest?, möchte sie fragen. 
da hat er bereits den letzten Milliliter Luft aus ihren Lungen herausgesaugt.
ihre Brust fällt ein. seine schwere Hand nistet in der Kuhle, leer, die Beute hat er selbst verzehrt, so ungeheuer gierig. das Kind, noch ungeboren, wird verhungern. 
sie hält den Blick über ihren Tod hinaus, viel länger als er. das bringt ihn um den Verstand. 
ich sehe!, möchte er rufen, eine letzte verzweifelte Intervention. zu spät. seine Zunge zerfällt zu Staub, der bedeckt ihren rosenblättrigen Mund. 
wie gern würde er jetzt aufwachen. aber sie entlässt ihn einfach nicht aus ihrem Traum. 

so stellt es sich dar. und das kann vieles bedeuten, wie sie und er und das ungeborene Kind und der Tod und das Publikum wissen. 
und so nicken sie weise: die Klugen. die Abgeklärten. die so Sicheren. meint: die Bedauernswerten, Erbarmungswürdigen, Unterworfenen. allesamt.

Samstag, 18. Oktober 2014

alles zu weit weg

Manchmal ist alles zu weit weg.
Das Vergangene, zum Beispiel.
Das Zukünftige sowieso.
Alles weit mehr als eine Armlänge entfernt.
Du auch.
Und ich.

Freitag, 17. Oktober 2014

Warten (Loses Blatt #76)

Warten ist ein Raum, der keine Tür hat, solange du ihn nicht verlässt.

Montag, 13. Oktober 2014

auf Zeit

Du sagst: Schreib doch mal was, das Bestand haben könnte, wesentlich ist, Allgemeingültigkeit besitzt.
Ich lache.
Du sagst: Du nimmst mich nicht ernst. So wie du nichts richtig ernst nimmst.
Ich sage: Hör zu, wir haben Krieg.
Du sagst: Wir?
Ja, wir, sage ich, oder willst du den Rest der Welt ausklammern?
Nein, sagst du, natürlich nicht. Aber dass du immer gleich so grundsätzlich werden musst, so allgemein.
Tja, sage ich, genau das wolltest du doch.
?, sagst du.
Schau nicht so fragend, sage ich. Willst du wissen, was meiner Meinung nach das einzige Allgemeingültige ist und seit je war und auf immer sein wird?
Sag's mir, sagst du.
Die Vergänglichkeit, sage ich, deine, meine, unsere, die der ganzen Welt.
Ist doch klar, sagst du.
Genau, sage ich, denk mal drüber nach, und noch was, sage ich: Der Vergänglichkeit etwas entgegenzusetzen, indem man etwas Bleibendes schafft, ist lächerlich und kann niemals überprüfbar sein und deshalb, sage ich, will ich etwas schaffen, das die Vergänglichkeit genau abbildet.
So, sagst du.
Ja, sage ich. In den Sand will ich schreiben und in den Wind sprechen, verlöschen soll alles mit der Zeit, so wie auch wir verlöschen mit der Zeit, tröstlich-solidarische Werke auf Zeit will ich schaffen.
Ach, sagst du, das klingt so traurig.
Ich lache.
Schon wieder, sagst du, nichts nimmst du ernst.
Morgen, sage ich, schon morgen werde ich vielleicht nicht mehr sein, und meine Worte werden verwischen im Sand, sie werden verfliegen im Wind, ich werde nichts in Stein gemeißelt haben, aber ich werde Teil eines Prozesses gewesen sein, und ich werde etwas Inhärentes geschaffen haben.
Blödes Fremdwort, sagst du, und fängst deine Tränen in der Phiole auf, die du stets bei dir trägst.
Ich liebe dich, sage ich in den Wind.
Das sagst du jetzt, sagst du.
Ja, sage ich, jetzt sage ich das, und jetzt liebe ich dich, jetzt, eine andere Zeit haben wir nicht. 
Ach, sagst du.
Wenn du willst, gebe ich's dir auch noch schriftlich, schreibe ich in den Sand.
Du schraubst die Phiole fest zu und versenkst sie in deiner Manteltasche. Du machst mich hilflos, sagst du.
Komm, lass uns noch eine Umarmung zu den Worten in den Wind stellen, sage ich.

Freitag, 10. Oktober 2014

was wir sahen wenn wir schliefen

wir hatten Hunger
und steckten uns 
wahllos Brot oder 
Lehm zwischen die 
Zähne wir suchten 
die Sonne und 
fanden sie bleich
hinter Hügeln aus 
Schmutz wir hätten 
töten können so 
verloren waren wir
was uns rettete
waren die Nächte
mit ihren dünnen
schillernden Häuten aus 
Traum und einer 
besseren Welt darin
was wir sahen
wenn wir schliefen
musste doch möglich 
sein und so 
zogen wir weiter
über Halden voll 
grauen Gestanks unter 
Himmeln aus Feuer
und hofften und 
glaubten unseren Träumen


*




*


Kann man dem Hunger, dem Krieg ein Lied entgegenstellen? Einen Traum? Ein Kunstprojekt? Ist das rechtens? Nützt es?
Sind das die relevanten Fragen?
Wer entscheidet, was aus Gewalt, Wut, Hilflosigkeit, Ohnmacht gezeugt und geboren wird?
Gibt es nur eine (richtige) Antwort?
Hat jeder die gleiche Rolle zu spielen? Und wählen wir unsere jeweiligen Rollen selbst?
Muss ich mein Recht zu träumen verteidigen? Nein.


*


"... nothing to kill or die for
and no religion, too ..."




"... you may say I'm a dreamer
but I'm not the only one ..."


*


Traum und Vorstellungskraft als weicher Widerstand. Dessen Rechtfertigung und Nutzen nicht im umgehenden Erfolg liegen kann. Dann wäre es ja einfach. (Und wunderbar.) Allein die Haltung als solche ... Diese muss erlaubt sein als Option. Als Versuch. Als zusätzliches Mittel. Keine verkitschte Friedensromantik, sondern pure Notwendigkeit. Finde ich. Und bleibe zugleich mitten im Zweifel. Denn ich glaube nicht, dass es die eine, ausschließliche befried(ig)ende Lösung gibt. Aber ich bin überzeugt, dass mehr als Waffengewalt nötig ist. (Dass diese aktuell nötig ist, dieser Überzeugung bin ich allerdings auch.) Und dass zu diesem Mehr die gewaltlosen Träumer gehören, immer. Gewaltlos, nicht machtlos. Die Liedermacher. Die Künstler. Die ...

Donnerstag, 9. Oktober 2014

ungefiltert

fast vergessen, aus dem Fenster zu sehen. überrascht von Licht und Farbe.
keine Lust auf Korrektheit. (trotz Rechtschreibfetisch).
eine der größten Freiheiten: selbst zu bestimmen, wovon ich mich inspirieren lasse.
(apropos lassen: Lassen Sie sich diesen Inspirationssatz so lange auf der Zunge zergehen, bis sich seine Ist-doch-klar-Hülle aufgelöst hat und der Aha-Kern freigelegt ist. Schmelz und Pricklel! Nein? Dann ist da noch ein Rest Hülle. Also Geduld!)

wovon rede ich da?

Ach! Eigentlich bin ich erschöpft. Von so alltäglichen Dingen wie Arbeit. Nicht der Arbeit an sich, die ich ja gern tue, hatte ich doch das Glück, mein Hobby zum Beruf machen zu können. Sondern von Ärger über den Chef, von massenhaften Überstunden. Erschöpft, niedergeschlagen (nicht vollends), kopf- und fantasieleer. Würde gerne schreiben, aber nichts erhebt sich aus der Müdigkeit. (Oh, das klingt schon wieder viel zu pathetisch für meinen Geschmack.)

Wie tagebuchig ich schon wieder bin. Wäre viel lieber fiktionalig lyrisch und prosaisch. Das alles (was so nichtig, so unverhältnismäßig gewichtig erscheint) wegschieben, rausschreiben, dann geht's vielleicht. Die unfruchtbare Schicht abtragen (nicht unterheben!), in der Hoffnung auf fruchtbaren Boden. Hm ...
(Ich hasse es zu jammern.)

Da liegt ein zusammengekauertes Gedichtchen tief am Grund, vielleicht auch ein Geschichtchen oder zwei. Embryonal verschlossen wie geborgen. In sich. Hoffe ich.

Ja. So. Heute erstmal frei. Zeit, ein Paket für die Tochter zu packen, dem Sohn ein paar Zeilen zu schreiben, zu waschen und zu bügeln, mit der Freundin zu telefonieren, auf dem Balkon in der Sonne zu sitzen, wahlweise mit Buch oder geschlossenen Augen, ein wenig zu bloggen (✓), durch die Gärten der anderen zu streifen, durchzuatmen ...

aus dem Fenster sehen. da ist noch ganz schön viel Grün

und raus damit. ungefiltert