Dienstag, 28. Oktober 2014

(Un)angemessen

Sie ist einfach gegangen. Ganz still. Und auch der Schmerz in ihm macht kein Geräusch. Er lässt sich in jeden einzelnen Händedruck fallen. Vor seinen Augen steigt die Flut. Wir reichen Taschentücher. Er lächelt still. Wir fragen uns:
An welchem Ort lärmt die Trauer? Wo tobt der Zorn? Schalldicht verborgen im Fleisch, in den Gedärmen, im Blut.

Später wird er lange auf der Toilette sitzen und die Zeit vergessen. Er wird vorm Badezimmerspiegel stehen und genau wissen, aber nicht begreifen. Noch später wird er die Bettdecke umklammern und den ersten nicht mehr aufzuhaltenden Laut im Kissen ersticken.

Manchmal möchte man taub sein, um diese furchtbare Stille nicht hören zu müssen.

Und da, wo sie jetzt ist, wie ist es da? Die Bilder widersprechen sich und sind doch nur Ideen. Vielleicht führt die letzte Tür in einen Raum der vollkommenen Angemessenheit. Zum Ausgleich für all das Unangemessene zuvor.

Sonntag, 26. Oktober 2014

ein einzelnes unglaublich zartes Wort 2

Fortsetzung meiner gestrigen Überlegungen

Vielleicht ist es dieses Wort: Du

Du

Ein Wort der Zugewandtheit ... So simpel, scheinbar ...

Vielleicht ist es dies, was jeder einzelne Schlag des Herzens in der Brust des Vogels im Nest im Wipfel des Baums sagt: Du.
Weil das schlagende, also funktionierende Herz natürlich in erster Linie dem Vogel selbst, unabhängig von allem ihm Umgebenden dient, ihn am Leben hält. Zugleich schlägt sein Herz aber auch für alles außerhalb seiner selbst, beziehungsweise das, was er als außerhalb seiner selbst Existierendes wahrnimmt (Tut er das? Er reflektiert ja nicht.). Es schlägt für den Baum, in dessen Wipfel das Nest seinen perfekten Platz hat. Schlägt für die Luft, die ihn auf seinen Flügen trägt. Schlägt für Sonne und Regen, für Morgen- und Abenddämmerung. Es schlägt für den anderen Vogel, den einzelnen wie den Schwarm. Es schlägt für seine Brut und deren Aufzucht. Es schlägt für alles, was ihm instinktiv vertraut, teils innewohnend ist an Umgebung und Verhalten. Es schlägt, so vermute ich, nicht zuletzt für die schöpferische Kraft, die sein Herz erst zum Schlagen gebracht hat.

Es gibt ja kein auf Nichts und Niemanden bezogenes Leben. Es gibt ein abgewandtes. Oder eben ein zugewandtes. Das sich im Du offenbart und entfaltet.

Simpel. Scheinbar.


Samstag, 25. Oktober 2014

ein einzelnes unglaublich zartes Wort

Die Vorstellung, es müsse irgendwo ein einzelnes unglaublich zartes Wort geben, das die Macht hat, alles zum Guten zu wenden ...
Ich komme immer wieder auf diesen Gedanken zurück, weiß nicht warum,  es ist eine unbestimmte Sehnsucht ... Die Kraft der Zartheit ... Sie ist etwas, woran ich glaube(n möchte).

Ich denke nach wie vor:

wie ein pochendes Vogelherz
so ein Wort

Donnerstag, 23. Oktober 2014

in Rätseln

"Du sprichst in Rätseln."

"Natürlich. Alles andere wäre gelogen."

Mittwoch, 22. Oktober 2014

in ihrem Traum

ein zum Platzen reifer Kuss liegt auf ihren Lippen. er pflückt ihn, beiläufig, achtlos. der Moment zerspratzt in metallischen Geschmack.
siehst du nicht, was du anrichtest?, möchte sie fragen. 
da hat er bereits den letzten Milliliter Luft aus ihren Lungen herausgesaugt.
ihre Brust fällt ein. seine schwere Hand nistet in der Kuhle, leer, die Beute hat er selbst verzehrt, so ungeheuer gierig. das Kind, noch ungeboren, wird verhungern. 
sie hält den Blick über ihren Tod hinaus, viel länger als er. das bringt ihn um den Verstand. 
ich sehe!, möchte er rufen, eine letzte verzweifelte Intervention. zu spät. seine Zunge zerfällt zu Staub, der bedeckt ihren rosenblättrigen Mund. 
wie gern würde er jetzt aufwachen. aber sie entlässt ihn einfach nicht aus ihrem Traum. 

so stellt es sich dar. und das kann vieles bedeuten, wie sie und er und das ungeborene Kind und der Tod und das Publikum wissen. 
und so nicken sie weise: die Klugen. die Abgeklärten. die so Sicheren. meint: die Bedauernswerten, Erbarmungswürdigen, Unterworfenen. allesamt.

Samstag, 18. Oktober 2014

alles zu weit weg

Manchmal ist alles zu weit weg.
Das Vergangene, zum Beispiel.
Das Zukünftige sowieso.
Alles weit mehr als eine Armlänge entfernt.
Du auch.
Und ich.

Freitag, 17. Oktober 2014

Warten (Loses Blatt #76)

Warten ist ein Raum, der keine Tür hat, solange du ihn nicht verlässt.