Freitag, 29. April 2016

Kreisen

Wenn ich nur wüsste, ob ich noch schwimmen kann. Wie finde ich‘s heraus?
Wem schulde ich etwas? Den Versuch nur mir. Das Scheitern auch. Und sonst?
Bin ich einer Idee verpflichtet? Welcher? Wessen? 

Mein Tag hat 24 Stunden. Aber was kümmert‘s mich?

Im Garten steht eine blaue Bank. An vielen Stellen blättert die Farbe ab. Ich sehe mich an einem heißen Sommertag auf dieser Bank sitzen, beschattet vom Fliederbusch, mit den nackten Füßen durchs Gras streichend, nichts denkend, nichts fühlend, nur spürend: ganz Körper in Sonnenlicht und schattigem Grün und summender Stille. Prägung. Zeitlos. (Daraus soll einmal mein Grabtuch gewebt sein, denke ich, und setze es in Klammern, zu morbide erscheint mir der Gedanke für potentielle Leser, wie wenig Zutrauen immer noch ...)

Mein Tag hat 24 Stunden. Neuerdings randvoll gefüllt mit so genanntem „Real Life“ (dabei glaube ich gar nicht an die Trennung von „Realem“ und Virtuellem Leben, mir ist beides gleichermaßen real). Ich bin höchst zufrieden damit (um nicht zu sagen glücklich, davor hüte ich mich, ein wenig abergläubisch, naja ...). Ich werde einen neuen Rhythmus finden. Ich vermisse das Schreiben. Das Schreiben als etwas, in das ich mich fallen lassen kann und in dem sich mir in diesem Fallen etwas offenbart, Teile einer Welt, die Teil ist von mir ...

Im Garten steht eine blaue Bank. Auf der sitzt mit nackten Füßen die Welt und wartet, während der Flieder zu blühen beginnt und das Gras wächst und die Stille summt und das Kreisen nicht endet ...

Samstag, 16. April 2016

Unpopuläre Meinung zu Böhmermann, Erdogan, Merkel

Ein kurzes Vorwort (, das man getrost überspringen kann, da es sowieso eher peinlich ist):
Wenn ich die Reaktionen auf Merkels Entscheidung, die Justiz zu ermächtigen, im Fall Böhmermann zu ermitteln und zu einem Urteil zu finden, betrachte, wenn ich sie in ihrer Vielzahl und scheinbaren Einigkeit betrachte, dann traue ich mich kaum, meine eigene Meinung kundzutun, denn sie weicht ab vom Gros der Meinungen, mal wieder. Aber wenn ich meiner mir eigenen tiefen Überzeugung folge, dass in einer Demokratie eben nicht die Mehrheit automatisch recht hat und bekommt, sondern jede einzelne Stimme ihren Platz und ihre Bedeutung hat, dann finde ich es wichtig und nötig, auch abweichende Sichtweisen zu äußern und mit in den Raum zu stellen. Dass ich diese Zeilen voranstelle, könnte jetzt bedeuten, dass ich unsere Demokratie für unreif halte und ihr nicht wirklich zutraue, konträre Meinungen friedlich auszuhalten und in einen Dialog einzubinden. Manches am überhitzten Ton der Diskussionen vor allem in Internetforen scheint dies zu bestätigen. Andererseits halte ich unsere Demokratie für so reif wie jedes einzelne ihrer Mitglieder, wenn es denn die verfassungsmäßig garantieren Freiheitsrechte z.B. in Bezug auf Meinungsäußerung nicht nur theoretisch kennt, sondern auch praktisch nutzt. Ich möchte nicht feige sein und die Gründe für diese Feigheit dann auch noch der Gesellschaft zuschreiben. Sie liegen in mir selbst und ich finde es immens wichtig, diese Feigheit zu überwinden. (OMG, dieses Vorwort wird länger und länger, fast geniere ich mich dafür. Ich sollte endlich zur Sache kommen.)


Zur Sache:

Was Böhmermanns Schmähgedicht betrifft, das man ja im Kontext seiner vorangestellten Äußerungen zu Satire sehen muss, finde ich, dass er auf großartige Weise einem Machthaber (Erdogan), der seine Macht nicht nutzt, um dem Volk zu dienen, sondern um es zu unterdrücken, vor die Füße gespuckt hat. Bravo! 
Ich halte Satire, und zwar gerade in solch zugespitzter Form für wichtig und sogar für notwendig als Mittel der Kritik an Inhabern von Führungspositionen, an Regierungen, an ideologischen Gruppierungen, an Kirchen und Instutionen, die – allzu häufig mit Billigung des Volkes, der Bürger, der Mitglieder etc. – ihre Macht missbrauchen, um zu herrschen, zu kontrollieren und zu manipulieren und die Freiheitsrechte der Menschen, denen sie eigentlich dienen sollten, mit Füßen treten. Respektlosen Machthabern muss man mit Respektlosigkeit begegnen.
Deshalb Bravo! und Danke!, Jan Böhmermann.

Was Erdogans beleidigte Reaktion betrifft: War doch klar. Ihn zeichnen, wie jeden Despoten, zwei grundlegende Eigenschaften aus: Anmaßung (oder gar Größenwahn?) und Kleingeistigkeit. Eine gefährliche Mischung. Er musste so reagieren, es ist eine logische Folge seiner (ideologisch bedingten) Persönlichkeitsstruktur. (Behaupte ich einfach mal.)

Was nun Merkels Reaktion betrifft: Davon abgesehen, dass diese besser sofort erfolgt wäre, statt nach dem merkeltypischen Zögern (geschenkt!), halte ich es für richtig, dass sie die Justiz ermächtigt, den Fall zu übernehmen. Denn mit dieser Ermächtigung tritt sie von ihrer eigenen Macht als Regierungsoberhaupt zurück und übergibt sie an die Justiz. Wo sie (die Macht, Recht zu sprechen) auch hingehört. Mit dieser Ermächtigung beugt Merkel sich nur scheinbar und auf den ersten Blick dem Willen Erdogans. In Wirklichkeit aber macht sie mit ihrer Geste deutlich: Dies hier ist Deutschland. Hier stellt sich die Regierung nicht über geltendes Recht. Hier hat in Rechtsfragen die Justiz das Sagen. Herr Erdogan, nehmen Sie sich ein Beispiel!
Ich hoffe sehr und vertraue darauf, dass unsere Justiz mit ihrem Urteil ein Zeichen setzen wird, das Erdogan und seine Vertreter und Beobachter vor Gericht beschämt, weil es nämlich hoffentlich!, hoffentlich! ein Urteil sein wird, das unsere Freiheitsrechte betont und verteidigt und den Despoten Erdogan in seine Schranken weist. Ich hoffe es sehr.

Lieber Jan Böhmermann, ich drücke Ihnen sämtliche mir zur Verfügung stehenden Daumen! Ihnen und unserer Demokratie.



Dienstag, 12. April 2016

Zögern Sie nicht (Liste A)

Lassen Sie sich Ihre Sehnsucht nicht von den Augen ablesen. Oder doch.

Geben Sie nie den kaum greifbaren Gedanken auf, es könnte da etwas anderes

Kommen sie nicht vom Weg ab. Es sei denn, Sie wollen.

Lassen Sie sich nichts vorschreiben
                                       - werfen
                                       - machen
                                       - beten
                                       - gaukeln. Ausnahme: Letzteres.

Geben Sie nicht auf. Manchmal aber doch.

Scheitern Sie fröhlich. In beliebiger Lautstärke.

Seien Sie sich wohlgesonnen.

Siezen Sie sich und alle anderen. Duzen Sie alternativ.

Bringen Sie Ihrem Spiegelbild das Lächeln bei.

Nehmen Sie diese Liste nicht zu ernst. 

Ergänzen Sie die Liste nach Belieben.

Ignorieren Sie die Liste. Oder auch nicht.

Geben Sie sich die Erlaubnis.

Zögern Sie nicht.

Das ist das Ziel.




Freitag, 25. März 2016

Einige von uns

Einige von uns fielen vom Himmel
einige von uns zählten die Sterne
einige von uns zähmten einen Tiger
einige von uns flogen wie der Wind
einige von uns zogen in den Krieg
einige von uns warfen Bomben
einige von uns wurden schwer verletzt
einige von uns konnten nicht vergessen
einige von uns wurden verrückt
einige von uns liefen Amok
einige von uns verloren ihr Liebstes
einige von uns waren einsam
einige von uns rächten sich
einige von uns drehten sich im Kreis
einige von uns hatten Albträume
einige von uns glaubten an Gott
einige von uns glaubten an Monster
einige von uns waren Monster
einige von uns säten Getreide
einige von uns bohrten Brunnen
einige von uns bissen ins Gras
einige von uns starben fast vor Scham
einige von uns trauten sich was
einige von uns verirrten sich
einige von uns sahen Wunder
einige von uns saßen im selben Boot
einige von uns zeigten mit dem Finger
einige von uns behaupteten,
einige von uns seien anders
einige von uns verschlossen sich
einige von uns wollten dazugehören
einige von uns wussten Bescheid
einige von uns nahmen das Ruder
einige von uns stießen
einige von uns ins Meer, wo
einige von uns ertranken und
einige von uns gerettet wurden
einige von uns zogen Grenzen, die
einige von uns übertraten, worauf 
einige von uns zu den Waffen griffen, um
einige von uns in Schach zu halten, bis
einige von uns zur Vernunft kamen und 
einige von uns die Zäune einrissen, damit 
einige von uns miteinander in Kontakt treten konnten und
einige von uns erkannten, dass es gar keine anderen gab als immer nur
einige von uns 

Donnerstag, 17. März 2016

Du riechst gut

Fort
Schlaf
Wer bist du?
Am Meer


Jetzt sag schon: Wo warst du?

Ich bin unseren Träumen gefolgt.

Du hast ein Aber zwischen uns gesetzt.

Nein, ich habe ein Und eingefügt.

Sie ist wieder da. Und sie zieht an mir. Möchte mir zeigen, was sie gesehen hat. Stellt etwas in Aussicht. Es scheint sehr real. (Kann etwas realer sein als real?) Sie ist unseren Träumen gefolgt, hat im Wachzustand erlebt, was wir sonst nur im Schlaf ... OMG! Jetzt will sie, dass ich mitkomme, mich mit eigenen (offenen!) Augen überzeuge. Im Schlaf erschien es mir schon so real. Geht es denn noch realer? Realer als im Traum? Ich fasse es kaum, aber sie, sie sprüht vor Begeisterung und vor Leben. (Ja, vor Leben, das muss ich ihr neidlos zugestehen.) Ja, sage ich, ich geb‘s zu: Nicht du bist für das Aber verantwortlich, sondern ich. Das Aber des trägen Zweifels. Du hast das Und der Möglichkeit und des Muts ausprobiert. Ich sollte dir vertrauen. Trotz deiner Schrammen, der Blasen an den Füßen und des zerzausten Haars. Trotz des Sonnenbrands auf deinen Schultern. Du riechst gut. Nach (Darf ich das sagen, auch wenn es abgedroschen klingt?) Freiheit.