Freitag, 21. November 2014

Ja, ich will

Du
woll'n wir noch hin und wieder
für ein Weißt du noch
den alten Ring betreten
ich will das Gute halten
und du
willst du das auch?
dann sag das Ja, ich will
das wir nie sagten
fünfundzwanzig Jahre lang
und ich
ich sag's dann auch

Mittwoch, 19. November 2014

Bestenliste

Hier, unter der Blogrubrik "Der Garten und seine Nischen", findet man ab sofort meine ganz persönliche Bestenliste. Sie ist alphabetisch sortiert und stellt weder (m)eine Rangfolge noch einen "Lesebefehl" dar. Bis jetzt enthält sie nur die Autorinnen und Bücher, die mir heute auf Anhieb eingefallen sind. Mit Sicherheit fehlen noch viele, die werde ich bei Gelegenheit nachtragen.
Ich habe alle mit Gewinn gelesen, zum Teil haben sie mein Leben und Denken geprägt. Das eine oder andere will ich unbedingt wiederlesen und werde das tun, sobald ich mir diesen Luxus erlauben kann. Zur Zeit geht das aus beruflichen Gründen nicht. Es gibt ständig soviel Neues, und ich muss auf dem Laufenden bleiben. Macht nichts, ich bin nicht nur nostalgisch und anhänglich, sondern zum Glück auch neugierig.

Dienstag, 18. November 2014

Kleine Grundsatzoffenbarung am Morgen

Heute: Was ich grundsätzlich nicht lese: 

Bücher und Artikel, die im Titel behaupten, sie würden darlegen, "worum es wirklich geht" und/oder was "die (eine) Wahrheit über ..." ist. Es gibt nicht wenige davon.
Mag sein, dass die Texte inhaltlich klug, weiterführend als andere und vielleicht echt differenziert sind. Mag sogar sein, dass ich es als lohnend empfinden könnte, sie zu lesen. Trotzdem behaupte ich, dass jedem/jeder, der/die einen solchen Titel wählt, mit Vorsicht zu begegnen ist. Die Anmaßung im Titel empfinde ich jedenfalls dermaßen stark, dass sich alles in mir dem Lesen des Artikels/Buches verweigert. 
Ich hoffe, das bleibt mir erhalten.

Eine Unterform dieses Grundsatzes ist die Verweigerung von "Lesebefehlen", wie sie im Internet ganz gerne erteilt werden, manchmal vielleicht einfach aus einer Überschwänglichen Begeisterung für ein Werk, die ich als sympathisch empfinden könnte, kenne ich eine solche doch von mir selbst. Dennoch steckt in dem Wort Befehl, auch wenn es evtl. nicht so scharf gemeint ist, wie es bei mir ankommt, eine für mich nicht akzeptable Anmaßung. Da reagiere ich mit einem starken Reflex der Verweigerung. Es gibt nichts, was gelesen werden muss. Punkt.

Freitag, 14. November 2014

in den Arm genommen

Ich werde ziemlich oft auf den Arm genommen. Von Freunden, Kolleginnen, meinen Kindern (denen macht das besonders viel Spaß!). Sie tun das liebend gern und meinen es in der Regel nicht böse. Dass ich so ein geeignetes Opfer bin, liegt nicht daran, dass ich Ironie nicht verstehen würde, sondern vielmehr daran, dass ich grundsätzlich bereit bin, alles zu glauben und für möglich zu halten. Naivität nennt man das. Ich begreife diese Eigenschaft, die sich nicht einfach abschalten lässt, schon lange nicht mehr als Schwäche, sondern als geheime Superkraft. Es ist viel schöner, mit einem Grundvertrauen als mit einem Grundmisstrauen durchs Leben zu gehen. Und abgesehen von den harmlosen Späßen, die man sich mit mir erlaubt, mache ich vor allem positive Erfahrungen mit dieser Haltung, die keine antrainierte, sondern eine angeborene und/oder in frühester Kindheit erworbene ist.

Der Titel dieses Blogposts lautet aber nicht auf, sondern in den Arm genommen.
Und das kam so:

Gestern war ich mal wieder bei meiner Friseurin. Wir kennen uns jetzt ungefähr fünf Jahre. Wenn ich das hochrechne, also circa sechs Friseurbesuche pro Jahr, diese mal fünf genommen, liegen wir bei etwa 30 Begegnungen. Da lernt man sich schon ein wenig kennen. Längst sind wir per du, kennen unseren jeweiligen Beziehungsstatus, wissen Bescheid über die literarischen Vorlieben, bevorzugten Urlaubsziele und politischen Einstellungen und haben schon so manches privat-persönliche Problemchen besprochen. Diese Gespräche, manchmal auch nur sanft plätscherndes Geplauder, gehören zum Rundumwohlfühlkomplex, den so ein Friseurbesuch für mich bedeutet. Zwei bis zweieinhalb Stunden Auszeit, gefüllt mit lauter Wohltaten von Kopfmassage und wohlriechenden Pflegeprodukten über Kaffee mit Bailey's und Gala lesen (wo sonst, wenn nicht hier?) bis hin zum perfekten Schnitt inklusive oben erwähnten Gesprächen. 

Gestern sprachen wir über das Neugeborene ihrer Kollegin, kamen von da auf die Fehlgeburt einer Freundin, die diese zunächst verschwieg, worauf wir zum Thema Tabu schwenkten, Tabuisierung von Krankheit, Tod und Trauer, aber auch anderen Dingen, wie sie zum Beispiel Eltern gerne vor ihren Kindern verbergen, diese aber doch spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist und durch das inkongruente Verhalten der Eltern nachhaltig in ihrer (Selbst)Wahrnehmungsfähigkeit gestört werden. Und wie sich das alles fortsetzt durch die Generationen. Das bis heute unüberwundene Kriegstrauma, weitergegeben an die Kinder und an die Enkel. Dann kamen wir vom Verallgemeinernden wieder zum Persönlichen und wie wir das erlebt hatten mit unseren Eltern. Deren Abschottung, ihr Unvermögen, dessen verheerende Auswirkung auf uns als Kinder und so weiter. 

Am Ende empfahl ich ihr das Buch "Isabel & Rocco" von Anna Stothard, einer großartigen jungen britischen Autorin, die zur Zeit, gerade mal dreißigjährig, schon an ihrem vierten Roman schreibt. "Isabel & Rocco" hat sie mit siebzehn geschrieben. Eine Geschwistergeschichte, ein Roman über eine schwierige Eltern-Kind-Beziehung, in der sich die Eltern entziehen bis zum tatsächlichen Verschwinden. Isabel und Rocco, sechzehn und achtzehn Jahre alt, werden sich selbst überlassen, verschmelzen zu einer Einheit, vernachlässigen das Haus und sich selbst, wie sie von den Eltern emotional vernachlässigt wurden. Ganz spannend und klug geschrieben, sehr sinnlich, als Leser riecht und fühlt man regelrecht das Beschriebene, erotisch und ungeheuer einfühlsam.

Ja, so schweife ich hier ab. Zurück:

Am Ende, als ich bezahlte, nahm A., meine Friseurin, mich spontan in den Arm. Wir drückten und hielten uns ein Weilchen, länger als für eine Begrüßungs- oder Abschiedsumarmung üblich. Da steckten viel Wärme und ganze unausgesprochene, aber dennoch deutlich übermittelte Sätze drin: "Das war schön. Es tat gut, mit dir zu reden. Wir wissen umeinander. Danke. Es ist ein Glück, dich zu kennen. Hab es gut. Ich freue mich aufs nächste Mal." Und was wir aussprachen: "Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch! Wir sehen uns im neuen Jahr. Ciao, bis dann!" 

Die Nähe und Wärme nahm ich mit. Und dachte darüber nach, wie bedeutend Umarmungen sind und wie unterschiedlich in ihrer Aussage:

Die Umarmung der Kollegin am ersten Arbeitstag nach meinem Urlaub: "Schön, dass du wieder da bist!" "Hab ich euch gefehlt oder seid ihr auch ohne mich klargekommen?" "Natürlich sind wir ohne dich klargekommen, ..." "Na toll!" "... aber mit dir ist es schöner." ":-)"

Die Umarmung der fernen Freundin beim Wiedersehen: "Ich freu mich so, hab dich total vermisst, wir müssen uns ALLES erzählen."

Die spontane Umarmung eines noch nahezu Fremden bei Feststellung eines inneren Gleichklangs: "Hey du, das ist schön grade mit dir. Bin froh, dass wir uns begegnet sind."

Die Umarmung des Expartners (was für eine leere und unangemessen versachlichende Worthülse für 25 Jahre voller Höhen und Tiefen): "Gut, dass es dich gibt. Es war ganz schön hart die letzten Jahre. Bin so froh, dass das wieder geht, dieses Umarmen, dieser freundschaftliche Umgang. Und ein bisschen traurig ist es auch. Immer noch, nicht wahr? Eine Beziehung lässt sich nicht beenden, nie. Sie verändert sich nur, und wenn man Glück hat und sich Mühe gibt, lässt sie sich noch positiv gestalten. Danke für dich und dafür, dass ich das wieder sagen/denken/fühlen kann."

Die Umarmung der ausgeflogenen Kinder: "Du. Mein Kind. Auf immer."

Allen gemeinsam: Die menschliche Nähe, der Ausdruck herzlicher Verbundenheit.

Mittwoch, 12. November 2014

Schöne Worte (Fürsprache)

Sie können sich so wunderbar gebildet unterhalten, artikulieren so gekonnt und leicht, wofür unsereins im Konversationslexikon vor- und zurück- und wieder vorblättern müsste. Da kommen wir einfach nicht mit. Sprechen sie eine Gegensprache? So elegant, so präzise geschliffen sind ihre Dialoge, dass man förmlich die blank polierten Schuhspitzen zwischen den Zeilen hervorblitzen sieht und die mit den Initialen des Trägers versehenen Manschettenknöpfe. 
Entkleidet man sie allerdings und entledigt sie all dieser Zeilenzwischenraumaccessoires, weht einen ein milder Hautgeruch an, unter der Kopfnote einer exklusiven Seife, ein Hautgeruch ähnlich dem eines jeden Menschen: nach schmierig-blutiger Geburt, nach Verdauung und Schweiß, nach Leben eben, nach modrigem Tod.
Winden wir Kränze aus den schönen Worten, einen für ihr Haupt und einen für ihr Grab. Häufen wir Ruhm auf ihre Teller und füllen wir ihre Gläser mit Ehre bis zum Rand. Lassen wir sie hochleben, so hoch, dreimal hoch. Und lassen wir sie in dem Glauben, dass ihre und nur ihre Worte für die Ewigkeit gemeißelt sind. (Oder? Ich glaube, sie brauchen das.)

Gehen wir sodann über zum besonnt-beregneten Tagesgeschäft: Hey, schön dich zu sehn! Na du? Haste mal nen Euro? Sorry, ich muss los. Kommste mit auf'n Bier? Wie geht's denn so? Ach, wird schon wieder. Ich dich auch. Weißt du noch, damals? Mistwetter. Morgen ist auch noch ein Tag. Lass dich mal wieder blicken! Halt die Ohren steif! Wie gesagt: Ich dich auch. Wirklich? Wirklich.

Sonntag, 9. November 2014

Die Straßen meiner Kindheit 4 (und darüber hinaus)

Bruchstücke, unvollständig, unsortiert


Hierseinsberechtigung
Stadt meiner Mütter
die Luft, die ich atme, kennt mich noch
der Dom begrüßt mich mit HandSteinschlag
Wo warst du solange? fragen alle Straßen
und frage ich mich selbst
der alte Fluss fließt durch mich hindurch
überwältigendes Zuhausegefühl: das hatte ich so nicht erwartet



*


Da fanden sich zwei, geschlagen vom Krieg und konnten nicht miteinander und blieben dennoch zusammen. Der Rettungsversuch misslang. Was wusste man schon über das persönliche Leid des anderen? Was konnte man schon über das eigene sagen? Dieses fast gewalttätige aneinander Festhalten. Aus lauter Angst vorm Fallen. Das unerträgliche Geräusch der Stummheit. Die Unmöglichkeit einer echten Annäherung. Dieser Generationen währende Krieg, weit über sein Ende hinaus.



*


Ich habe Glück mit dem Wetter. Den einzigen komplett verregneten Tag verbringe ich im Museum. Kunst essen. Satt werden. Ansonsten durch die Straßen laufen, schlendern, bummeln, spazieren, das Laub hochwirbeln. Das Straßenpflaster und meine Fußsohlen: alte Vertraute, die ihre eigenen Wiedersehensgespräche führen: Weißt du noch, damals? Immer wieder Einkehr in Kunst- und Kinoräume, in Restaurants, Cafés und Imbisse, Eintauchen in den kölschen Singsang (wie ich den liebe). Hin und wieder verlaufe ich mich oder schlage absichtlich andere Wege ein als geplant, weil mich der Anblick einer Häuserreihe reizt oder Stimmengeräusch oder irgendein Duft, der irgendwoher weht. Baden in einer Mischung aus Wehmut und fröhlichem Selbstverständnis. 


*


Nachsinnen über Heimat, über Prägung, über Zugehörigkeitsgefühl, über Alleinsein und Einsamkeit. Nachdenken über Wahlmöglichkeiten, über Weichenstellung, über Entscheidungen, die nicht richtig oder falsch sind, sondern gut allein dadurch, dass sie getroffen werden. Die verschiedenen möglichen Leben und das eine gelebte. Der riesige Berg und die vielen kleinen Schritte. Das Dunkel und der Ausblick. Die Ideen und der fehlende Mut. Die leeren Hände. Der unformulierbare Wunsch. Das große Ach.


*


Gedankenbruch, unsortiert.
Warum gelingt es mir schon seit einiger Zeit so gar nicht mehr, von mir abzusehen?
Schreib mal wieder ein Gedicht, denke ich mir. Oder schreib endlich an der Vogelfrau weiter. Nein? 
Wie das Schreiben und das Leben einander in die Quere kommen können und wie doch das eine das andere nährt.
Ich falle so ganz und gar in einen tiefen Herbst hinein. (und will das nicht bewerten, sondern einfach mal so annehmen)